Sonntag, 12. Februar 2012

Heimat und Integration

"Sehr geehrte Zuhörerinnen und Zuhörer,
wenn Sie sich umsehen, sehen Sie verschiendenste Nationalitäten in diesem Raum versammelt. Es sitzen, oder stehen, Vertreter Deutschlands, Russland und Vietnams hier und schenken sich gegenseitig das Gehör und die Aufmerksamkeit.
Ich persönlich gehöre zur Vertretung Vietnams an, was man schlechthin an meinem Aussehen erkennt. Jedoch besitze ich eine deutsche Staatsbürgerschaft und demnach einen deutschen Ausweis, also bin ich eine Deutsch mit einem Migrationshintergrund oder kurz gesagt: eine Immigrantin. Ich beherrsche die deutsche Sprache, mehr oder weniger, habe mich der Kultur angepasst und gehe hier zu Schule. Ich lebe hier, doch wieso fühle ich mich manchmal so fehl am Platz? Woher und wieso ist dieses Gefühl der Unwillkommenheit oder des Unwohlseins in meinem Kopf? Es ist die Heimatsfrage und die Frage nach Integration. Diese zwei Themen sind für eine Immigrantin wie mich, Dinge, welche mich mein ganzes Leben lang beschäftigen werden, da beides, Heimat und Integration, eng miteinander in Verbundenheit stehen.
Ich beginne damit, mich mit dem Thema Heimat auseinander zu setzen. Zuerst einmal: Was ist die Heimat? Der Ort, in dem ich aufgewachsen bin? Das Land, woher ich stamme? Meine Antwort: Nichts von beidem. Heimat ist für mich, wo ich mich wohlfühle und wo mein Herz hingehört. Heimat muss auch nicht zwingend ein lokaler Ort sein. Heimat kann auch eine Person oder der Freundeskreis o.ä. sein. Als Immigrantin bin ich hin und her gerissen zwischen Deutschland, Vietnam und meinem Herzen. Ich gehöre nirgends hin. Ich habe meine Heimat noch nicht gefunden. Eine oft gestellte Frage in meinem asiatischen Freundeskreis ist "Wo gehöre ich hin?" Deshalb schließe ich daraus, dass viele Immigranten sich genau diese Frage stellen, Einräumen muss ich jedoch, dass sicherlich einige in diesem Raum auch keine Ahnung haben, was ihre Heimat ist. Nicht nur Immigranten oder Ausländer betrifft die Heimatsfrage, nein sagen wir Heimatssuche, sondern alle. Aber diese Thematik gehört wieder zur Identitätsfrage. Heimat ist ein Ort (o.ä.), wo du dich wohlfühlst, aber wie soll man sich wohl fühlen, wenn man dem permanenten Gefühl der Unwillkommenheit ausgesetzt ist? Mir passiert öfters, dass ich angepöpelt werde, weil ich Asiatin bin. Wenn ich alleine mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahre, fühle ich mich unwohl, da ich oft die Einzige Vietnamesin im Zug, in der Bahn oder im Bus bin. Es ist die Frage nach Integration, sowohl auf Seite der Immigranten und auf Seite der "Einheimischen". Wir Immigranten kommen aus verschiedensten Gründen in andere Länder, sei es aufgrund eines Krieges, Geldnot oder aus Zwang. Um in diesem neuen Land zu leben, muss man sich gewissermaßen anpassen. Am wichtigsten ist die Sprache und die Kultur, natürlich können wir Traditionen und Sitten beibehalten, damit wir nichts von unserer eigentlichen Herkunft verlieren. Aber ohne diese beiden Aspekte könnte man nicht untereinander kommunizieren, welche der nächste Schritt der Integration wäre: Kontakte mit "Einheimischen" knüpfen.  Man kann erst leben, wenn man zusammen lebt. Doch was ist wieder, wenn man nicht einmal die Chance hat, in Kontakt mit ihnen zu knüpfen?  Wieso gibt es z.B.  in Berlin einen Stadtteil, in dem fast nur Türken wohnen? Ich denke, dass sie nicht freiwillig in Kreuzberg leben, sondern  von unserem Staat dorthin geschickt werden bzw. sie keinen anderen Ausweg haben, als dort zu wohnen. Wieso dürfen Asyl-Bewerber nicht in die Öffentlichkeit hinaus treten und werden komplett isoliert? Wahrscheinlich um Ihnen erst Recht keine Chance zu bieten, sich an das Land zu gewöhnen oder Freundschaften zu schließen. Es ist eine Frage der Integration, nicht wahr? Von den Seiten der "Einheimischen", nicht nur vom Staat sondern auch von den normalen Bürgern, muss auch eine gewissen Akzeptanz und Willkommenheit der Ausländer vorliegen, damit eine Integration überhaupt ermöglicht werden kann.
Lassen Sie Integration zu, denn wir versuchen es auch. Gehen Sie einen Schritt auf die Ausländer zu, denn wir versuchen dasselbe mit Ihnen auch. Helfen wir uns gegenseitig unsere Heimat zu finden und ein internationales Beziehungsnetz, auch über mehrere Ländergrenzen, aufzubauen und zu stärken. Das ist es, was wir in einer globalisierten Welt brauchen. Öffnen Sie sich für neue, unbekannte Kulturen, denn man lernt nie genug.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit."

Dies war meine Deutsch-Rede, natürlich ein wenig verbessert, welche ich vor ein paar Wochen halten musste.
Ich hatte 12 NP bekommen. Tuan hat meine Rede ne Woche später gehalten und hat 13 NP erhalten. Man wie unfair kann die Welt sein? Wieso hab ich nur die allerbeste, genialste, strengste und klügste Deutsch Lehrerin überhaupt bekommen? Man ich könnt sterben haha.

Wie auch immer, Integration und Heimat, sowie auch viele andere Thematiken, z.B. Toleranz, sind Fragen, die immer wieder aufgeworfen werden. Ich hoffe, ich habe euch zum Denken angeregt.

Going to work now.
Happy Sunday, my dears.
Much love und many kisses. Myourselves

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen